
Magie der Wüste – 11 Tage Namibia
Heute bin ich pünktlich in Windhoek gelandet und wurde von Marcel begrüßt. Sie wird mich in den nächsten zehn Tagen durch Namibia begleiten. Marcel ist in Kapstadt geboren, lebt heute in Swakopmund und ist Inhaberin von Namaste Yoga Safari.
Zu meiner großen Überraschung habe ich tatsächlich eine Privatreise. Die beiden anderen Gäste haben storniert und so reise ich alleine mit ihr. Ich freue mich unglaublich. Marcel zeigt mir die geplante Reiseroute und einige Sehenswürdigkeiten in Windhoek.
Schon auf dem Weg in die Stadt spüre ich: Namibia ist anders. Die Luft ist trocken und klar, die Farben wirken intensiver, die Hügel rund um die Stadt flimmern im Sonnenlicht.
Windhoek trägt bis heute Spuren seiner Geschichte. Von 1884 bis 1915 war Namibia deutsche Kolonie und diese Einflüsse sind noch sichtbar, in Straßennamen, in der Architektur und im Stadtbild.
Morgen fahren wir etwa sechs Stunden westwärts zum Tok Tokkie Trail. Dort beginnt unsere erste Wanderung mit zwei Übernachtungen unter freiem Himmel, direkt unter den Sternen. Ich kann es kaum erwarten.
Tag 2 – Start des Tok Tokkie Trails
Früh am Morgen, um sieben Uhr, brechen wir in Richtung Namib auf, der ältesten Wüste der Welt. Nach rund sechs Stunden erreichen wir den Tok Tokkie Trail, wo wir drei Tage lang zu Fuß unterwegs sein werden.
Die Fahrt führt durch weite Landschaften, sanfte Hügel und Geröllfelder. An der Rezeption treffen wir unsere internationale Wandergruppe. Wir geben unser Gepäck ab und nehmen nur das mit, was wir wirklich brauchen.
Unsere erste Etappe dauert etwa drei Stunden und führt in Richtung Horseshoe Canyon, wo wir die Nacht verbringen werden. Unterwegs erklärt uns Sebastian unser Guide, die Spuren im Sand. Eidechsen, Schlangen, Tok-Tokkie-Käfer und viele andere Tiere sind uns schon vorangegangen. Ich frage ihn, was eine bestimmte Spur bedeutet. Er lächelt und sagt: „Der Sand spricht. „Man muss nur zuhören.““
Gegen 17 Uhr erreichen wir unser Camp. Es besteht aus zwei Köchen, einem Plumpsklo und einfachen Feldbetten. Während wir den Sonnenuntergang genießen, wird für uns gekocht.
Am Abend zeigt uns Sebastian die Milchstraße, Jupiter und Alpha Centauri. Die Stille ist vollkommen. Ich lege mich selig in mein Feldbett, umgeben von Sternen und dem weiten Himmel der Namib.
Tag 3 – 21 Kilometer durch die Wüste
Heute weckt uns Sebastian mit frischem Kaffee und warmem Waschwasser. Ein unerwarteter Luxus mitten in der Wüste. Die Sonne geht langsam auf, ein unvergesslicher Augenblick. Nach dem Frühstück brechen wir gegen acht Uhr zu einer langen Wanderung auf. Vor uns liegen 21 Kilometer.
Das Wandern in der Wüste fühlt sich zeitlos an. Ich habe nie das Gefühl, etwas zu verpassen. Jeder Schritt wirkt richtig, jeder Moment erfüllt sich. Ein Zitat von Pierre Loti begleitet mich: „In der Wüste begreifen wir, dass wir eigentlich nichts brauchen, weil alles schon da ist.“ Heute spüre ich, wie wahr dieser Gedanke ist.
Sebastian zeigt uns die Lebensweise der Siedelweber. Ihre riesigen Nester sind ineinander verschachtelt und können mehrere Meter breit werden. Wir wandern durch sogenannte Feenkreise, vegetationslose, kreisrunde Flächen, die bis zu zehn Meter groß sind. Ihre Entstehung ist bis heute nicht eindeutig geklärt, ein Zusammenspiel von Wissenschaft und Mythos.
Nach sieben Stunden erreichen wir unser nächstes Camp. Auch hier erwarten uns nur Feldbetten, einfaches Essen und die unendliche Stille der Wüste. Ich bin müde und hungrig, aber glücklich. Beim Abendessen blicke ich auf den Sternenhimmel und weiß: eine weitere Nacht in dieser stillen, leuchtenden Welt liegt vor mir.
Tag 4 – Abschied von der Wüste und Yoga im Deadvlei
Auch heute beginnt der Morgen mit Kaffee und warmem Waschwasser. Wir begrüßen den Sonnenaufgang und betrachten die Spuren im Sand. Die Düne ist wie eine Morgenzeitung, in der man lesen kann, wer in der Nacht zu Besuch war. Sebastian zeigt uns eine frische Fährte und erklärt ruhig, dass sie von einer Oryx Antilope stammt.
Nach dem Frühstück brechen wir auf. Unterwegs sehen wir nicht nur Schlangenspuren, sondern auch eine echte Schlange, dazu Tok-Tokkies, Tausendfüßler und Pillendreher. Die Wüste ist voller Leben, verborgen und doch überall gegenwärtig. Diese Tage haben mich sprachlos gemacht. Die Schönheit der Landschaft wirkt fast überirdisch.
Am Mittag verabschieden wir uns von der Gruppe und fahren weiter nach Sossusvlei. In unserer Lodge ruhen wir kurz und machen uns dann am späten Nachmittag auf den Weg in den Nationalpark. Dort ragen die berühmten Sterndünen bis zu 350 Meter in den Himmel. Der Fluss Tsauchab endet hier inmitten der Dünen und hinterlässt eine rissige Tonpfanne: das Vlei.
Im Deadvlei entscheiden wir spontan, eine Yogastunde zu machen. Der Platz ist fast menschenleer, da die meisten Besucher zum Sonnenaufgang kommen. Marcel selbst hat hier noch nie Yoga gemacht, zu heiß und zu überlaufen. Für uns beide wird es eine Premiere und einer der eindrucksvollsten Yoga-Momente meines Lebens.
Gerade noch rechtzeitig erreichen wir das Gate, bevor es schließt. Am Abend sitzen wir am Feuer und lassen diesen intensiven Tag nachwirken. Ich fühle mich dankbar für alles, was ich erleben darf, und für die Frau, die mich auf dieser Reise begleitet.
Tag 5 – Heißluftballon über der Namib
Der Wecker klingelt um vier Uhr. Heute wartet ein besonderes Erlebnis: eine Ballonfahrt über die älteste Wüste der Welt. Gegen fünf Uhr treffen wir die Gruppe zur Einweisung. Kurz nach Sonnenaufgang steigen wir in den Himmel.
Unter uns breitet sich das Dünenmeer von Sossusvlei aus, im Licht der Morgendämmerung golden und unwirklich. Wir schweben lautlos dahin, getragen vom Wind, über Sand, Berge, Licht und Schatten. Es fühlt sich an, als wäre ich in einem Gemälde gelandet.
Nach etwa 45 Minuten landen wir sanft. Am Boden erwartet uns ein Champagnerfrühstück im Stil von „Out of Africa“. Noch nie habe ich so früh am Morgen Champagner getrunken. Zum Abschluss erhalten wir ein kleines Flug Zertifikat.
Gegen zehn Uhr setzen wir unsere Reise fort. Es geht Richtung Swakopmund, über die C14, eine berüchtigte Schotterpiste. Wir halten an der Tankstelle in Solitaire, wo es legendäre Apfelstrudel gibt und alte Autowracks wie Skulpturen in der Wüste stehen. Am Wendekreis des Steinbocks machen wir Fotos, bevor wir über den Kuiseb-Pass weiterfahren. Die Landschaft ist karg, rau und beeindruckend.
Am späten Nachmittag erreichen wir Swakopmund. Die Stadt liegt zwischen Wüste und Meer, ein Ort, der fast surreal wirkt. Für zwei Nächte bleiben wir in einer Lodge. Am Abend sind wir zu einem Gongbad eingeladen. Ich lasse mich von den Klängen tragen, die Vibrationen durchdringen den ganzen Körper und legen sich wie ein Schleier über Geist und Sinne. Es ist ein Erlebnis, das mich tief berührt und das ich so schnell nicht vergessen werde.
Tag 6 – Ein deutscher Ort in Afrika
Swakopmund liegt zwischen den Dünen der Namib und dem Atlantik. Der Ort wirkt wie aus der Zeit gefallen. Fachwerkhäuser, Bäckereien, Sauerkraut und Apfelstrudel erinnern an Deutschland, während draußen die Wüste beginnt. Kein Wunder, dass man Swakopmund die deutscheste Stadt Namibias nennt.
Das Klima ist kühl, oft neblig, und nach den heißen Tagen im Süden eine willkommene Abwechslung. Marcel lebt hier. Sie zeigt mir ihre Lieblingsorte, erzählt Geschichten aus der Stadt und von ihrer Entscheidung, hier sesshaft zu werden.
Wir verbringen den Tag ruhig, lassen uns treiben. Am Nachmittag rollen wir die Yogamatten in den Dünen aus und üben mit Blick aufs Meer. Der Atlantik rauscht, der Wind trägt den feinen Sand über unsere Füße, und für einen Moment verschwimmen Zeit und Ort.
Am Abend sitzen wir am Pier. Frische Austern und ein Glas Sauvignon Blanc runden den Tag ab. Die Sonne sinkt langsam ins Meer, das Licht färbt den Himmel golden und ich merke, dass auch die Zwischenorte auf einer Reise Spuren hinterlassen.
Tag 7 – Fahrt ins Damaraland
Wir brechen früh auf. Unser Ziel ist der Etendeka Hiking Trail im Damaraland. Die Fahrt dauert rund sechs Stunden, und schon der Weg dorthin ist ein Erlebnis.
Zunächst folgen wir der Küste nach Norden bis Cape Cross. Dort besuchen wir die berühmte Robbenkolonie. Über 200.000 Tiere liegen dicht gedrängt am Strand, wälzen sich, rufen laut durcheinander. Der Anblick ist überwältigend, der Geruch bleibt lange in der Nase.
Später wenden wir uns landeinwärts. Die Landschaft verändert sich, wird felsiger, archaischer, fast unwirklich. Gegen Mittag erreichen wir Palmwag, die letzte Station vor dem Start unseres Trails. Hier gönnen wir uns eine kurze Pause am Pool, bevor wir am Nachmittag zur ersten Etappe aufbrechen.
Unser neuer Guide heißt Gelasius. Es ist ein ungewohnter Wechsel, denn wir sind noch sehr an Sebastian gebunden. Die zweistündige Wanderung führt uns durch eine raue, heiße Landschaft. Gelasius zeigt uns Spuren von Giraffen, Zebras und sogar Zwergohreulen.
Am Abend erreichen wir das Camp. Holzplattformen stehen frei in der Landschaft, darüber der endlose Sternenhimmel. Zum Abendessen gibt es Potjie Kos, einen traditionellen Eintopf, der am offenen Feuer köchelt. Wieder fühle ich dieses besondere Gefühl: draußen sein, mitten in der Natur, unter freiem Himmel schlafen.
Tag 8 – Durch das Grootberg-Massiv
Wir stehen um sechs Uhr auf. Heute müssen wir unseren Kaffee selbst holen, und schon jetzt fehlt uns Sebastian, unser Guide vom Tok Tokkie Trail. Mit Gelasius geht es an den neuen Tag. Der Weg führt uns entlang von Giraffen- und Zebraspuren in den Sonnenaufgang hinein.
Vor uns liegt eine sechs Stunden lange Wanderung durch das Grootberg-Massiv. Wir folgen ausgetrockneten Mopani-Flussbetten, klettern über steinige Hochebenen und laufen entlang der Etendeka-Basaltströme. Die Landschaft ist wild und karg, faszinierend in ihrer rauen Schönheit.
Schon am Vormittag steigt die Temperatur. Gegen Mittag zeigt das Thermometer über vierzig Grad. Die letzten eineinhalb Stunden bis zum Hill Camp sind eine Herausforderung. Es geht bergauf, die Sonne brennt, und jeder Schritt fordert Kraft. Ich bin überrascht von meiner eigenen Ausdauer. Vielleicht unterschätze ich mich öfter, als ich denke.
Oben angekommen wartet ein einfaches Mittagessen auf uns. Wir ruhen uns aus, liegen erschöpft auf unseren Matratzen und starren in die flirrende Hitze. Am späten Nachmittag steigen wir noch einmal auf den Felsen oberhalb des Camps. Der Blick reicht bis zum Crystal Mountain. Mit einem Sundowner in der Hand genieße ich die Stille und das Gefühl, es bis hierher geschafft zu haben.
Am Abend sitzen wir wieder am Feuer. Es gibt Potjie Kos, und die Dunkelheit legt sich schnell über das Camp. Ich liege auf meiner Matratze, blicke in den Himmel und denke: Diese Tage in der Wildnis hinterlassen Spuren.
Tag 9 – Spitzkoppe und Sunset Yoga
Am Morgen wandern wir zwei Stunden zurück zum Ausgangspunkt des Etendeka Trails. Danach beginnt eine lange Fahrt, etwa sechs Stunden bis zur Spitzkoppe. Marcel liebt diese Strecke, und je weiter wir fahren, desto besser verstehe ich warum. Die Landschaft verändert sich ständig. Schroffe Berge gehen auf weite Ebenen über, bizarre Felsformationen tauchen auf, als würde das Land immer neue Gesichter zeigen.
Unterwegs besuchen wir das Living Museum der Damara. Es ist ein Projekt, das Tradition und Bildung verbindet. Die Damara, eine der ältesten Bevölkerungsgruppen Namibias, zeigen hier ihre frühere Lebensweise. Kleidung, Werkzeuge und Rituale vermitteln einen Eindruck vom Leben vergangener Zeiten. Es wirkt authentisch, nicht folkloristisch. Der Eintritt fließt in den Erhalt der Kultur, und ich bin dankbar, dieses Wissen auf so respektvolle Weise erleben zu dürfen.
Am Nachmittag erreichen wir die Spitzkoppe. Schon aus der Ferne wirkt sie monumental. Oft wird sie das Matterhorn Namibias genannt. Wir checken in unserer Lodge ein und springen erst einmal in den Pool. Die Erfrischung nach der langen Fahrt ist pure Wohltat.
Gegen Abend rollen wir unsere Yogamatten auf den Felsen aus. Die rötlich schimmernden Granitwände glühen im Licht der untergehenden Sonne. Alles um uns herum wird still. Sunset Yoga an der Spitzkoppe – es fühlt sich fast überirdisch an. Ich bin einfach nur dankbar.
Nach dem Abendessen falle ich müde ins Bett, erfüllt von den Eindrücken dieses besonderen Tages.
Tag 10 – Abschied vom Damaraland und Rückfahrt nach Windhoek
Marcel hat heute Geburtstag. Wir beginnen den Tag früh, mit Sonnengrüßen im ersten Licht des Morgens. Der Himmel färbt sich zart, und wir atmen die frische Luft ein. Es ist ein besonderer Moment, so nah an der Natur und gleichzeitig so verbunden miteinander. Immer wieder werden wir gefragt, ob wir Schwestern seien. Vielleicht, weil wir längst ein eingespieltes Team sind.
Nach dem Frühstück fahren wir noch einmal zur Spitzkoppe. Wir klettern ein Stück hinauf, lassen den Blick über die bizarren Felsformationen schweifen und nehmen die Stille in uns auf. Die Spitzkoppe ist mit ihren 1.728 Metern Höhe nicht nur einer der markantesten Berge Namibias, sie ist auch einer der meistfotografierten. Für mich bleibt sie ein Denkmal der Ruhe.
Dann beginnt die Rückfahrt nach Windhoek. Die Straße fordert uns, und unterwegs müssen wir einen Reifen wechseln. In Namibia nichts Ungewöhnliches. Zwei Frauen allein ziehen Aufmerksamkeit auf sich, wir werden neugierig beobachtet, aber auch freundlich unterstützt.
Die Stunden im Auto vergehen mit Musik und Gesprächen. Mal lachen wir, mal schweigen wir und genießen das einfache Unterwegssein. Am Abend erreichen wir unsere Unterkunft in Windhoek. Ich gönne mir eine Massage, wir stoßen am Pool mit einem Glas Wein an und feiern nicht nur Marcels Geburtstag, sondern auch diese gemeinsame Reise.
Tag 11 – Abschied in Stille
Um vier Uhr morgens klingelt der Wecker. Die Straßen sind noch menschenleer, als wir uns auf den Weg zum Flughafen machen. Es ist ein leiser Beginn des letzten Tages in Namibia.
Der Abschied von Marcel fällt mir schwer. Wir umarmen uns lange. Zehn Tage waren wir gemeinsam unterwegs, und ich hätte mir keine bessere Begleitung wünschen können. Ihre Ruhe, ihre Herzlichkeit und ihr klarer Blick für das Wesentliche haben diese Reise geprägt.
Im Flugzeug wird es still. Ich schaue aus dem Fenster und lasse die Bilder noch einmal vorbeiziehen. Die roten Dünen von Sossusvlei, die langen Fahrten durch endlose Landschaften, das Schlafen unter freiem Himmel, das Lachen am Lagerfeuer.
Namibia hat etwas in mir bewegt. Nicht laut, sondern tief. Ich spüre, dass diese Reise bleibt. Nicht nur in Bildern, sondern als Erfahrung, die ich mitnehme und die Teil von mir wird. Namibia bleibt – als Gefühl und als Ort, zu dem ich zurückkehren möchte.