
Kochkurs an der Costa Brava
Ankommen & erster Eindruck
Es beginnt ganz unspektakulär am Bahnhof von Girona und doch spüre ich schon, dass diese Tage etwas Besonderes werden. Steve holt uns persönlich ab, ganz entspannt, mit diesem leisen Lächeln, das sagt: „Keine Sorge, alles ist vorbereitet.“
Die Fahrt führt durch sanfte Landschaft, Olivenhaine und kleine Dörfer, bis wir schließlich am Torre Ronsat ankommen, einem alten, charmanten Anwesen, das für sechs Tage unser Zuhause wird. Der Turm reicht mit seinem Blick bis zum Meer, Hortensien blühen im Hof, Olivenbäume spenden Schatten, im Garten wachsen Gemüse und Kräuter. Ein Pool liegt wie ein Versprechen in der Sonne, und mein Zimmer schaut hinaus auf Zitronenbäume. Schon beim Ankommen fühle ich mich zuhause.
Am Abend beginnt auch schon der Auftakt: ein Empfang im Torre. Poppy reicht uns liebevoll zubereitete, noch warme Kroketten. Dazu ein Glas prickelnder Cava. Die Stimmung ist sofort herzlich, vertraut, fast so, als würde man alte Freunde wiedersehen. Noch weiß ich nicht, was mich erwartet, aber schon hier ahne ich, dass es nicht nur ums Kochen geht, sondern um eine Art Lebenskunst.
Gastgeber & Atmosphäre
Das Besondere am Torre sind nicht nur die alten Mauern, sondern die Menschen, die ihn mit Leben füllen. Steve und Suki sind unsere Gastgeber. Steve hat in einigen der besten Küchen Europas gekocht und führt uns durch die Abende mit Leidenschaft und Gelassenheit.
Suki ist zwischen England und Spanien aufgewachsen. Sie ist diejenige, die die Fäden im Hintergrund zieht. Sie sorgt dafür, dass alles ineinandergreift, dass Organisation und Ablauf stimmen, und sie ist immer da, wenn es darauf ankommt. Vor allem bei Picknicks ist sie präsent, mittendrin, herzlich und aufmerksam, eine stille, aber entscheidende Kraft.
Unterstützt werden die beiden von Poppy, Steves rechte Hand in der Küche. Sie bereitet vor, begleitet die Zubereitung und sorgt mit ihrer eigenen Handschrift dafür, dass jedes Gericht stimmig wird. Mit ihrer Marke Plates by Pops hat sie außerdem ein eigenes Catering Unternehmen aufgebaut.
Zusammen schaffen sie eine Atmosphäre, die professionell und gleichzeitig herzlich ist. Es fühlt sich nie wie ein Kurs an, sondern wie eine Einladung, für einige Tage Teil ihres Lebens zu sein.
Kulinarische Erlebnisse draußen
Olivenöl-Tasting bei Fontclara
Ein frühes Highlight dieser Woche ist das Olivenöl-Tasting bei Oli Fontclara. Das Anwesen liegt im Herzen des Baix Empordà, umgeben von weiten Olivenhainen. Es ist kein gewöhnlicher Hof, sondern ein Ort, an dem Leidenschaft gepflegt wird: die Herstellung von über hundert sortenreinen extra nativen Olivenölen, die zu den besten der Welt zählen.
Wir werden persönlich vom Fontclara-Team empfangen, das seine Gäste nicht in einen nüchternen Showroom, sondern in sein Zuhause einlädt. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre, die sofort spürbar macht: Hier geht es nicht nur um Öl, hier geht es um eine Lebensphilosophie.
Roland Zanotelli, Gründer von Fontclara, hat die Vision entwickelt, Olivenöl nicht nur als Produkt zu sehen, sondern als kulturelles Erbe. Zusammen mit seiner Tochter und Nuri Torrent, der Marken-Direktorin, verfolgt er das Ziel, die Geheimnisse des Olivenöls und seines Terroirs weiterzugeben. „Unser Ziel ist es nicht nur, ein Produkt zu verkaufen, sondern auch die Bekanntheit eines Öls und eines Gebiets zu verbreiten, das uns wirklich am Herzen liegt“, erklärt Zanotelli.
Wir probieren mehrere Öle, jedes mit einer eigenen Persönlichkeit. Manche schmecken frisch und grasig, andere fast süßlich, wieder andere haben eine pfeffrige Schärfe. Es ist wie eine Weinprobe, nur intensiver und direkter. Mit jedem Tropfen wird klarer, dass Olivenöl viel mehr ist als ein Küchenprodukt.
Weinverkostung im Clos d’Agon
Nach dem Olivenöl-Erlebnis wartet schon das nächste Highlight: das Wein-Tasting im Weingut Clos d’Agon. Allein der Name weckt Erwartungen, denn hier ist kein Geringerer als Peter Sisseck, der Schöpfer des weltberühmten Weins Pingus, beteiligt.
Das Weingut liegt in einer traumhaften Umgebung, eingerahmt von sanften Hügeln und mit Blick bis ans Meer. Schon die Ankunft ist ein Erlebnis: sorgfältig gepflegte Reben, ein modernes, aber warmes Weingut, das die Tradition respektiert und gleichzeitig Neues wagt.
Wir probieren mehrere Weine, jeder für sich ein kleines Kunstwerk. Frische Weiße mit klarer Mineralität, Rosés, die nach Sommer schmecken, und kräftige Rote, die den Gaumen noch lange beschäftigen. Das Besondere ist die Kombination aus Internationalität und Tiefe. Man schmeckt die große Weinwelt, und doch bleibt alles fest in der Region verwurzelt.
Zum Tasting gehört auch ein Picknick im Freien. Ein Korb, gefüllt mit Käse, Brot, Schinken, frischem Gemüse und dazu die Weine des Hauses. Wir sitzen zwischen den Reben, lachen, teilen Teller und Gläser. Es fühlt sich leicht an, selbstverständlich, als sei man Teil einer jahrhundertealten Tradition, die Genuss und Gemeinschaft immer zusammen gedacht hat.
Küstenwanderung und Picknick
Die Küstenwanderung mit Master-Forager Roger de la Selva ist ein weiteres Highlight. Mit geübten Blick zeigt er uns, was am Wegesrand wächst und essbar ist. Wir sammeln Kräuter, Blüten und Früchte, die später tatsächlich Teil unseres Picknicks werden.
Am Ende der Tour erreichen wir eine kleine Bucht. Steve, Suki und Poppy haben dort bereits einen Tisch vorbereitet, mit weißer Tischdecke, Cava, Austern und vielen anderen Köstlichkeiten. Nach dem Sprung ins kalte Meer, beim ersten Bissen in einer Auster und dem prickelnden Glas in der Hand, breitet sich dieses Gefühl aus: Alles ist perfekt.
Strandpicknick
Auch das Strandpicknick bleibt unvergesslich. Rocco, der kleine Sohn von Steve und Suki, spielt im Sand mit einer Schüssel Paella. Irgendwann kippt er sie einfach um, und die ganze Paella landet im Sand. Niemand regt sich auf, alle lachen. Es fühlt sich an wie ein entspannter Familienausflug, bei dem Genuss und Gelassenheit Hand in Hand gehen.
Bootsausflug
Der Bootsausflug schließlich hebt sich von allem ab. Während die anderen Touristengruppen mit einfachen Snacks zufrieden sein müssen, erwartet uns an Bord ein Picknick, das wie ein kleines Festmahl wirkt.
Es gibt Wein, Octopus-Carpaccio, gefüllte Aprikosen, Radicchio mit Trauben und Ziegenkäse Salat, dazu Thunfisch-Bruschetta. Jeder Teller ist mit Liebe angerichtet, jedes Detail sitzt. Dazu das Rauschen der Wellen, die salzige Luft, die Sonne im Gesicht. Kein klassisches Sightseeing, sondern ein kulinarisches Erlebnis auf dem Meer.
Abende am Herd – Paella, Pasta und süße Klassiker
Paella unter freiem Himmel
Der Paella-Abend ist ein besonderes Erlebnis. Schon der Auftakt ist lehrreich. Steve erklärt uns den Unterschied zwischen Serrano und Jamón Ibérico. Wir hören von Bellota, dem berühmten Pata Negra, von den Fütterungsarten Cebo, Cebo de Campo und Bellota, und davon, wie lange die Schinken reifen, von acht bis hin zu achtundvierzig Monaten. Drei Sorten dürfen wir probieren und vergleichen. Dazu Gazpacho, kühl und frisch. Ein Einstieg, der mehr ist als ein Aperitif, er ist ein Stück Kultur.
Dann geht es an den Arroz. Steve erklärt die Buena Pinta des Korns, den Sofrito, der die Basis bildet, und den Socarrat, die knusprige Schicht am Pfannenboden, die in Spanien fast heiliger ist als die Paella selbst. Unter freiem Himmel entstehen drei Varianten: eine gemischte Paella, eine vegetarische und eine Fideuà mit kleinen Nudeln. Am Ende ist jede Gruppe überzeugt, dass ihre Version die beste ist, doch alle probieren neugierig auch bei den anderen.
Italienischer Abend – Pasta, Focaccia und mehr
Der italienische Abend beginnt mit dem Teig. Zwei Sorten bereiten wir zu, und schnell merken wir, dass es nicht ohne Körpereinsatz geht. Wir kneten kräftig, drücken, ziehen, rollen. Bald sind die Schürzen mit Mehl bestäubt und die Hände weiß. Der Tisch ist bedeckt mit langen, dünnen Teigbahnen, die wir sogar zum Trocknen aufhängen, während wir lachen und vergleichen, wessen Pasta wohl am gleichmäßigsten ist.
Daraus formen wir Tortelloni mit Kürbisfüllung, die wir später in zarter Salbeibutter servieren. Wir schneiden frische Fettuccine, die mit einem Venetian Chicken Ragu auf den Tisch kommen, kräftig und aromatisch. Dazu backen wir Focaccia, außen knusprig, innen weich, perfekt zum Eintauchen in Olivenöl.
Auch hier ist Poppy präsent. Sie schenkt die passenden Weine ein, erklärt ihre Auswahl und sorgt dafür, dass jedes Detail stimmt. Gemeinsam sitzen wir bis spät am Tisch, essen, trinken, reden und lachen. Es ist nie nur ein Kurs. Es ist ein Miteinander, ein Ritual, das die Tage abrundet.
Die süße Krönung
Auch wenn ich selbst kein großer Nachtisch-Fan bin, haben die Desserts dieser Woche etwas Besonderes. Wir arbeiten mit hauchdünnem Filoteig für ein Baklava, das Schicht für Schicht entsteht und am Ende einfacher zuzubereiten ist, als ich dachte. Ein Schokoladensoufflé kommt duftend und warm aus dem Ofen. Dann ist da die Crema Catalana, deren Zucker mit einem kleinen Brenner karamellisiert wird, bis er knackt und duftet. Der Moment, wenn die Löffelspitze die Kruste durchbricht, ist jedes Mal ein kleiner Zauber. Und schließlich der” burnt Feta and Honey Cheesecake “mit gebackenen Pfirsichen, Thymian und Mandeln, ein Nachtisch zum Niederknien.
Menschen & Begegnungen
So sehr es ums Kochen ging, so sehr waren es die Menschen, die diese Tage geprägt haben.
Nina und Dani, das Geschwisterpaar aus England, haben unermüdlich erzählt, gewitzelt und sich geneckt. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich sitze in einer kleinen Comedyshow. Sally wurde schnell zu meiner engsten Gesprächspartnerin. Wir verbrachten Nachmittage am Pool, redeten über das Leben, über Wendepunkte, über Dinge, die man nicht leichtfertig ausspricht. Mit ihr war es immer ein bisschen tiefer, ein bisschen intensiver. Jacky dagegen war die Ruhige, die immer mit einem stillen Lächeln da war und die Gruppe durch ihre Gelassenheit zusammenhielt.
Es war nicht nur das Essen, es waren diese Begegnungen, die mich spüren ließen, dass hier mehr passierte, als Rezepte zu lernen.
Ein Geschmack, der bleibt
Ich habe selten so viel, so gut, so intensiv gegessen. Jeder Tag war eine Abfolge von Aromen, fast meditativ, ein Eintauchen in Geschmäcker, die länger blieben als der Moment selbst. Paella, Fideuà, Gazpacho, Tortellini, Crema Catalana und dazu die Weine, die Poppy einschenkte. Ich war im Element, manchmal so vertieft, dass die Welt um mich herum verschwamm.
Doch Poppy war nicht nur diejenige, die für die Weinbegleitung sorgte. Ihre Aperitifs waren kleine Meisterwerke, und wenn sie einen Cocktailshaker in der Hand hatte, wirkte es wie eine eigene Kunstform. Ein Negroni Sour von ihr bleibt unvergessen, kräftig, frisch und mit derselben Liebe zum Detail, die auch in den Speisen steckte.
Am Ende bleibt mehr als der Geschmack. Es bleibt das Lachen mit Nina und Dani, die Gespräche mit Sally, Jackys stille Wärme.
Wenn ich die Augen schließe, schmecke ich noch immer Olivenöl von Fontclara, kräftigen Rotwein aus Clos d’Agon, Salz auf der Haut nach dem Sprung ins Meer. Es ist ein Geschmack, der bleibt.
Und vielleicht war es genau das: nicht ein Kurs, nicht eine Reise, sondern ein Zustand. Für sechs Tage habe ich gekocht, gegessen, gelacht und getrunken, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt.