
Patagonien von Tango bis Torres
Wo der Tango tanzt: mein erster Tag in Argentinien
Ankommen in der Stadt der Gegensätze
Nach der Landung in Buenos Aires werde ich direkt von meiner Zimmergenossin Kerstin begrüßt. Wir haben uns vorab über WhatsApp ausgetauscht, und sie erkennt mich sofort in der Menge. Es ist ein herzliches erstes Aufeinandertreffen, sympathisch von Anfang an.
Da einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Fotogruppe mit einer späteren Maschine ankommen, vertreiben wir uns die Zeit bei einem Kaffee. Erste Gespräche, erstes Kennenlernen. Wir sind zehn Menschen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, eine bunte, auf Anhieb offene Gruppe.
Unsere Reiseleiterin Lisa empfängt uns mit einem Lächeln und gibt einen kleinen Ausblick auf den Tag. Nach dem Zwischenstopp im Hotel, das Einchecken ist erst ab 15 Uhr möglich, geht es direkt los: zu Fuß durch San Telmo.
San Telmo – Geschichte, Melancholie und Magie
San Telmo ist der älteste Stadtteil von Buenos Aires und voller Charakter. Viele der Gebäude stammen noch aus dem 19. Jahrhundert, leicht bröckelnd, mit diesem besonderen Altbau-Charme, den ich liebe. Einst war San Telmo ein Viertel der Oberschicht, bis eine Gelbfieberepidemie alles veränderte. Heute ist es ein Schmelztiegel für Künstler, Kreative, Touristinnen und Locals.
Wir laufen durch enge Gassen, besuchen den Mercado de San Telmo und probieren unsere ersten Empanadas. Die Halle ist lebendig, laut und duftend, Argentinien pur. Überall Fleisch. Überall Stolz. Hier wird nicht einfach gegessen, hier wird zelebriert.
Plaza Dorrego – Trödel, Tango und tiefes Gefühl
Am Nachmittag zieht es uns zum berühmten Flohmarkt auf der Plaza Dorrego. Jeden Sonntag verwandelt sich der Platz in ein Kaleidoskop aus Kisten, Erinnerungsstücken und Ständen. Es gibt Kunst, Kitsch, Geschichte, von Evita bis Maradona. Musik liegt in der Luft, aus jeder Ecke klingt etwas anderes.
Ich entscheide mich, allein zurückzubleiben. Setze mich mit einem Bier auf den Platz und beobachte das Treiben. Dann tanzt jemand Tango. Nicht touristisch, nicht gestellt, sondern echt. Mit Sehnsucht. Mit Stolz. Mit Geschichte. Der Tango entstand Ende des 19. Jahrhunderts in den Bordellen der Stadt, später wurde er durch Sänger wie Carlos Gardel weltberühmt. Er ist mehr als ein Tanz. Er ist Buenos Aires.
Tangolehrer Giovanni Pugliese sagte einmal:
„Der Tango ist die authentischste Form argentinischer Volksmusik. „Er war und ist eine Reflexion unserer tagtäglichen Wirklichkeit.“
Ich glaube, er hat recht.
Ein Abend mit Malbec und Momenten
Zum Abendessen treffen wir uns alle wieder, viel Fleisch, viel Rotwein. Peter aus der Schweiz hat Geburtstag, es wird gefeiert, gelacht, angestoßen.
Ein intensiver, stimmungsvoller Start in ein neues Abenteuer. Buenos Aires zeigt sich direkt von seiner sinnlichen Seite: laut, stolz, melancholisch.
Und ich bin angekommen.
Tag 2 – Stadtführung durch Buenos Aires mit Grippegefühl und großem Programm
Ich fühle mich heute leider etwas schlapp, wie ein Anflug von Grippe. Ob ich das durchhalte? Wir werden sehen.
Zuerst geht es ins historische Zentrum zum berühmten Plaza de Mayo. Dort stehen sich bedeutende Gebäude gegenüber: die ehrwürdige Kathedrale, das strahlend weiße Cabildo mit Glockenturm und natürlich die Casa Rosada, Argentiniens legendärer rosafarbener Präsidentenpalast. Auffällig, beeindruckend, politisch aufgeladen.
Ein ernster Moment auf dem Platz: Die „Mütter der Plaza de Mayo“ erinnern mit weißen Kopftüchern an ihre während der Militärdiktatur verschwundenen Kinder. Ihr Protest bewegt und bleibt im Gedächtnis.
Danach tauchen wir tiefer ins Getümmel ein. Buenos Aires ist laut, lebendig, riesig. Fast drei Millionen Menschen leben in der Stadt, 15 Millionen im Ballungsraum. Jeder dritte Argentinier ist Porteño. Hier schlägt das Herz des Landes, kulturell, wirtschaftlich, politisch.
La Boca – Farbenmeer und Geschichte
Nächster Halt ist das legendäre La Boca, das frühere Hafenviertel. Ursprünglich von italienischen Einwanderern aus Schiffswrackteilen gebaut, leuchtet heute jedes Haus in einer anderen Farbe. Eisen, Holz, Wellblech, ein kunterbuntes Zeugnis des Überlebenswillens. Zwischen Galerien, Straßenkunst und Tangotänzern wirkt es ein wenig überdreht, aber auf charmante Weise einzigartig.
Mittags kehren wir in ein kleines Café ein und essen Tarte de Limón. Ich halte mich zurück, mein Magen rebelliert. Zum Glück gibt es danach eine Pause, die ich ehrlich dankbar annehme.
Teatro Colón – ein Palast für den Klang
Am Nachmittag wartet ein Highlight: das mehr als 100 Jahre alte Teatro Colón, eines der prächtigsten Opernhäuser weltweit. Oberirdisch ein Palast, unterirdisch eine Opernstadt mit mehreren Etagen. Wir dürfen bei einer Probe zuhören. Gänsehaut.
Tango – ein Abend voller Leidenschaft
Abends steht eine klassische Tango Show auf dem Programm. Ich bin müde, aber ich halte durch und werde belohnt. Leidenschaft, Melancholie, Musik, Buenos Aires at its best.
Am Ende falle ich erschöpft ins Bett, aber Buenos Aires hat mich begeistert. Tango ist hier keine Show, er ist ein Gefühl. Fußball ist Religion. Und das Steak? Ohne Worte.
Tag 3 – Ankunft im wilden Süden: El Calafate & erstes Patagonien-Feeling
Heute beginnt endlich der zweite große Teil unserer Reise, und passend dazu geht es mir wieder deutlich besser. Um 9 Uhr werden wir abgeholt und fliegen in rund drei Stunden nach El Calafate, dem Tor zum berühmten Perito-Moreno-Gletscher.
Der Tag ist geprägt von Transfers, Flughäfen, kurzen Gesprächen und einer Landschaft, die sich beim Landeanflug zunehmend verändert. Karge Weite, windgepeitschte Ebenen, erste Gletscher in der Ferne – Patagonien empfängt uns mit seiner ganz eigenen Magie.
Am späten Nachmittag erreichen wir unser Hotel. Viel Zeit zum Auspacken bleibt nicht, denn es wartet ein echter Willkommen Moment: Ein Freund von Lisa hat ein traditionelles Lamm über dem offenen Feuer gegrillt – langsam, über Stunden, ganz klassisch.
Dazu gibt es Empanadas, hausgemachten Kartoffelsalat und reichlich kräftigen Rotwein. Wir sitzen beisammen, erzählen, lachen, genießen – und spüren, dass diese Reise nun eine neue Dimension annimmt.
Das Hauptziel unseres Aufenthalts ist natürlich der Perito Moreno Gletscher, eine lebendige Naturgewalt und eines der imposantesten Naturwunder Südamerikas. „Jeder Südamerikaner sollte ihn einmal gesehen haben“, heißt es. Und auch wir stehen kurz davor, diesem Mythos zu begegnen.
Doch dazu morgen mehr. Heute lassen wir den Abend ruhig ausklingen, mit gutem Essen, gutem Wein und dieser ganz besonderen Aufbruchsstimmung, die nur Patagonien erzeugen kann.
Tag 4 – Perito Moreno: Der Gletscher, der lebt
Um sieben Uhr starten wir. Es ist noch dunkel und bitterkalt, der patagonische Herbst, wie er im Buch steht. Der Himmel ist bedeckt, Nebel liegt über der Landschaft, und die Silhouette der Berge zeichnet sich nur schemenhaft am Horizont ab. In der Luft liegt dieser erste, verheißungsvolle Hauch von Schnee.
Und dann liegt er plötzlich vor uns: der Perito-Moreno-Gletscher. Eine dreißig Kilometer lange Zunge aus Eis, die sich durch das Tal schiebt und vor unseren Füßen in einer siebzig Meter hohen Steilwand endet. Die Farben? Türkis, milchig-blau, durchzogen von tiefen Rissen und grauen Schattierungen. Unwirklich. Majestätisch.
Wir stehen einfach nur da, sprachlos. Ein donnerndes Krachen reißt uns aus der Stille. Ein tonnenschweres Stück Eis bricht ab und stürzt in den Lago Argentino. Wasser spritzt, Vögel kreischen, und in diesem Moment spüren wir sie ganz direkt: die raue, ungezähmte Kraft der Natur.
Der Perito Moreno galt lange als Ausnahme: ein Gletscher, der nicht schrumpft, sondern wächst. Doch auch hier ist der Klimawandel sichtbar geworden. Zwar zieht er sich langsamer zurück als viele andere, doch das Zeichen ist klar: Selbst das scheinbar Ewige ist endlich.
Und vielleicht ist es genau das, was diesen Moment so tief berührt – zu wissen, dass wir etwas sehen, das nicht für immer da sein wird.
Ich könnte noch stundenlang schreiben, über das Knacken im Eis, den Wind im Gesicht, das Staunen in den Augen. Aber manchmal sagen Bilder mehr als Worte.
Und genau das war heute: Ein Tag voller Bilder, die bleiben.
Tag 5 – Auf der Ruta 40 Richtung Fitz Roy
Wir werden noch vor Sonnenaufgang eingesammelt. Der Plan: ab nach El Chaltén. Normal braucht man für die Strecke von El Calafate etwa drei Stunden. Wir brauchen sechs.
Warum? Ganz einfach: Wir sind mit Fotografen unterwegs. Wenn sich irgendwo ein besonders hübscher Felsen, ein Nebelstreifen oder ein Guanako im perfekten Licht zeigt, wird angehalten. Und zwar jedes Mal.
El Chaltén liegt im nördlichen Teil des Los Glaciares Nationalparks, der südliche Teil reicht bis El Calafate. Der Park ist riesig, rund sechstausend Quadratkilometer groß und Heimat von über dreihundert Gletschern. Eine unfassbar beeindruckende, weltweit einzigartige Landschaft.
Je näher wir El Chaltén kommen, desto mehr verändert sich auch das Bild. Urige Bars im Alpenstil verkaufen eiskaltes argentinisches Bier an Bergsteiger, die auf das perfekte Wetterfenster für ihre nächste Expedition warten. An jeder Ecke stehen junge Backpacker in bunter Outdoorbekleidung, Wanderer mit großen Rucksäcken und jede Menge Abenteuerlust in den Augen.
Wir fahren auf der legendären Ruta 40 direkt auf den Fitz Roy zu. Der markante Granitgigant sticht förmlich aus dem Massiv heraus. Zusammen mit dem Cerro Torre, dieser senkrechten Felsnadel, wirkt das Ganze fast surreal. Beide zählen zu den schwierigsten Gipfeln der Welt – und beide zeigen uns heute wolkenfrei. Jackpot.
Also wird fotografiert, was das Zeug hält. Anhalten, aussteigen, staunen, auslösen – repeat. Wir sind im Flow.
In El Chaltén selbst bleibt am späten Nachmittag keine Zeit fürs Einchecken. Wir müssen rauf auf den nächsten Berg, um die Abendstimmung einzufangen. Der Haken: Hin und zurück dauert das Ganze nochmal drei Stunden. Heißt, wir sind erst spät zurück im Hotel und essen zu argentinischer Zeit richtig spät.
Morgen heißt es wieder früh raus. Sonnenaufgang am Hausberg steht an.
Tag 6 – Sonnenaufgang, Wasserfall und Waffeln
Ich bekomme langsam eine Ahnung davon, wie die nächsten Tage hier ablaufen werden.
El Chaltén wurde erst 1985 gegründet, als eine Art Basislager für Abenteurer direkt am Fuße des Fitz-Roy-Massivs. Und genau so fühlt es sich auch an: Überall Bergsteiger, Outdoor-Freaks und Menschen mit staubigen Hosen und großen Plänen. In der Luft liegt dieser ständige Hauch von Abenteuer, wie der Duft von Kaffee in einer Berghütte. Nur cooler.
Der Aufstieg beginnt im Dunkeln, Stirnlampe auf, Rucksack geschultert, bei Minusgraden. Klingt fies, macht aber irgendwie richtig Spaß. Oben angekommen heißt es erstmal warten, eine halbe Stunde bis zum Sonnenaufgang. Zeit genug, um den besten Platz fürs Stativ zu finden. Ich beobachte das Ganze mit einem Grinsen. Diese Stille vor dem Licht hat etwas Magisches. Und die Fotografen wirken wie ein eigenes Naturphänomen.
Es ist bitterkalt, meine Finger frieren. Doch dann, ganz plötzlich, taucht die Sonne das gesamte Massiv in ein gelbrotes Licht. Ein Anblick, der einem den Atem nimmt. Dreißig Minuten später ist alles vorbei. Als hätte es nie stattgefunden.
Zum Glück wartet danach das Frühstück. Und das schmeckt nach so einem Start doppelt gut.
Nur wenig später steht schon der nächste Programmpunkt an: eine kleine Wanderung zum Wasserfall Chorrillo del Salto. Natürlich geht es nicht einfach darum, dort anzukommen, sondern die perfekte Perspektive zu finden, den besten Winkel, das schönste Licht. Alle verteilen sich, fokussiert, konzentriert, ganz in ihrem Element.
Am Nachmittag sind wir zurück in El Chaltén. Zur Belohnung gibt es Waffeln, die man verdient. Danach tatsächlich ein paar Stunden Freizeit. Ich gönne mir eine heiße Dusche und schreibe endlich in mein Tagebuch. Mit einem Pisco Sour in der Hand. Meine Beine fühlen sich inzwischen auch ein bisschen sour an.
Nachdem sich ein Teil der Gruppe zum Abendessen verabredet hat, entscheiden wir: Heute schlafen wir früh. Denn morgen heißt es wieder: früh aufstehen.
Tag 7 – Sonnenaufgang, Schienbeinschmerzen und 22 Kilometer Patagonien pur
Der Wecker klingelt um 5:30 Uhr. Draußen ist es stockdunkel und eiskalt. Fotografen-Zeit. Wer mit Foto-Menschen reist, weiß: mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang muss man da sein. Stative aufbauen, Objektive testen, Filter checken, das dauert.
Ich vertreibe mir die Wartezeit wie echte Profis, mit dem Handy in der Hand und einer Minifotostory über meine Kollegen, die sich im Halbdunkel aufbauen, fokussieren und frieren. Das Ergebnis ist durchwachsen, die Stimmung ehrlich gesagt ein bisschen enttäuscht. Also steht fest: morgen nochmal, aber dann mit besserem Licht.
Nach einem schnellen Frühstück, Lisa gibt uns gnädige 30 Minuten, geht es los. Wanderung zur Laguna de Cerro Torre, 22 Kilometer, keine Gnade. Das Tempo ist sportlich. Ziel ist es, gegen 18 Uhr zurück zu sein und mittags möglichst entspannt am See zu picknicken. Blöd nur, dass der Rückweg allein schon drei Stunden dauert. Also heißt es: zügig wandern, nicht verlaufen, kein Trödeln.
Die Landschaft zeigt sich von ihrer besten Seite. Herbstliche Farben, goldene Blätter, klarer Himmel. Der Cerro Torre ragt wie gemalt in den Himmel. Lisa sagt, dass wir unfassbares Glück mit dem Wetter haben. Den Torre komplett frei zu sehen, sei eine Seltenheit. Jackpot.
Die Wanderung ist traumhaft, aber fordernd. Immer wieder geht es bergauf, über Felsen, durch Wälder, vorbei an Bächen. Am Ende spüre ich vor allem meine Schienbeine. Sie melden sich ziemlich deutlich zurück ins Leben.
Zurück im Hotel gibt es eine heiße Dusche, gefühlt mit letzter Kraft. Und um 19 Uhr dann die Belohnung in Fleischform. Wir gehen Steak essen.
Und was soll ich sagen? Es schmeckt noch besser, wenn man den halben Tag durch Patagonien marschiert ist.
Ausblick auf morgen? Lieber nicht. Morgen heißt es 4:30 Uhr aufstehen. Aber daran denke ich jetzt nicht. Jetzt denke ich nur: Was für ein Tag.
Tag 8 – El Chaltén: Sonnenaufgang, brennende Schienbeine und Selfmade-Pasta
Heute steht wieder einer dieser nur kurz den Berg rauf Tage an. Fünf Kilometer vor Sonnenaufgang, mit Stirnlampe, kaltem Wind und müden Beinen.
Ziel ist ein besonderer Spot beim Chorrillo del Salto Wasserfall, mit Blick aufs majestätische Fitz-Roy-Massiv. Oben angekommen ist bereits viel los. Mehrere Fotogruppen, darunter eine chinesische Truppe mit perfektionistisch platzierten Stativen und Frühstarter-Energie. Den besten Platz muss man sich hier regelrecht erkämpfen. Aber das gehört dazu, das ist Patagonien.
Meine Schienbeine melden sich sofort zurück. Aber ich beiße mich durch und bin überrascht, wie gut es trotzdem geht. Dann kommt der Moment: Die ersten Sonnenstrahlen treffen die Felsnadeln, das Massiv beginnt zu glühen. Für einen Augenblick wirkt es, als hätte die Natur kurz auf Showtime gedrückt.
Nach diesem Highlight geht es entspannt bergab. Mehr als sechs Stunden sind wir insgesamt unterwegs.
Die Belohnung: Waffeln in der Sonne und dieses Gefühl von tiefer Zufriedenheit. In Patagonien wohnt der Wind, heißt es. Wir erleben ihn hier vor allem von seiner milden Seite. Tag für Tag Sonnenschein.
El Chaltén bleibt für mich ein ganz besonderer Ort. Am Ende der Welt, aber voller Leben. Ich beobachte das Treiben im Ort, lehne mich zurück, trinke ein wohlverdientes Bier und denke: Ja, das Leben ist gerade ziemlich gut.
Abends gibt es im „Maffia“ dann mal etwas anderes. Selbstgemachte Pasta statt Steak. Richtig lecker und genau die Abwechslung, die man nach so viel Fleisch einfach mal braucht.
Ein Tag zwischen Glühen, Wandern, Schlemmen und einer frischen Portion Muskelkater.
Tag 9 – Letzter Tag in El Chaltén: Wind, Weizen und Wow-Momente
Wie immer stehen wir früh im eiskalten Wind, müde, aber voller Vorfreude. Die Kameras sind bereit, die Finger halb erfroren, die Hoffnung groß auf das perfekte Licht.
Und heute spüren wir ihn so richtig, den legendären patagonischen Wind. Er zerrt an Mützen, rüttelt an Jacken und bringt uns direkt auf Betriebstemperatur. Doch es lohnt sich. Ein spektakulärer Sonnenaufgang lässt die Gipfel glühen, die Landschaft erwacht und wir stehen mittendrin. Still. Staunend.
Nach dem Frühstück geht es noch einmal raus. Fünfzehn Kilometer, aber diesmal ganz ohne Druck. Kein Zeitplan, kein Rennen um den besten Spot. Einfach nur draußen sein. Die Landschaft ist wie immer zum Niederknien. Herbstfarben leuchten, der Himmel ist klar, der Wind legt sich.
Wir sind heute nur noch zu viert. Ein Picknick am Bach, Stille, ein Moment ganz für uns. Ich fülle meine Flasche mit frischem Gletscherwasser, es schmeckt nach Freiheit. Wir reden wenig. Es braucht auch nichts mehr. Die Stille ist laut genug.
Nach fünf Tagen in El Chaltén, rund siebzig Kilometern und unzähligen Eindrücken bin ich einfach leer und erfüllt zugleich. Nicht stolz, eher dankbar. Für die Stille. Für die Weite. Für dieses Draußensein.
Zurück im Ort gönne ich mir ein wohlverdientes Weizen im Biergarten. Die Sonne wärmt, der Körper ist erschöpft, aber das Herz ist voll. El Chaltén, du verrückter Ort am Ende der Welt. Entspannt, unprätentiös, wild, mit einer Natur, die leise Demut lehrt.
Tag 10 – Von El Chaltén nach Chile
Nach fünf Nächten, rund siebzig Kilometern auf teils anspruchsvollen Wanderwegen, traumhaften Sonnenaufgängen und gefühlt tausend Fotos heißt es heute Abschied nehmen von El Chaltén. Und natürlich: früh aufstehen.
Mit dem öffentlichen Bus geht es Richtung Chile. Unser Ziel ist Puerto Natales, das Tor zum Torres del Paine Nationalpark.
Die Fahrt zieht sich. Sechs Stunden rollen wir durch die argentinische Pampa, endlose Steppe, braune Ebenen, staubige Schotterpisten. Kaum ein Auto, keine Häuser, keine Tiere. Nur Felsen, Wind und Himmel. Man versteht plötzlich, warum” in der Pampa” sprichwörtlich für das Ende der Welt steht.
An der Grenzstation, einem kleinen Häuschen im Nirgendwo, verlaufen die Formalitäten überraschend entspannt. Nach kurzer Kontrolle sind wir offiziell in Chile, bei milden vierzehn Grad.
Puerto Natales wirkt sofort anders, eine kleine Stadt mit Seele. Einst von den indigenen Kawésqar und Tehuelche bewohnt, wurde die Gegend 1557 vom Seefahrer Juan Ladrilleros als Última Esperanza, Letzte Hoffnung, benannt, seine letzte Chance, die Magellanstraße zu finden. Ein dramatischer Name für eine wilde, raue Ecke der Welt.
Die Stadt selbst wuchs als Hafen für die boomende Schafzucht und zog Menschen aus vielen Ländern an. Briten, Deutsche, Kroaten, Spanier und Griechen. Ein Melting Pot am südlichen Ende des Kontinents.
Wir schlendern durch die Straßen, wechseln Geld, geben Wäsche ab, dringend nötig und besorgen ein paar Kleinigkeiten. Am Abend lernen wir Ricardo kennen, unseren Guide für die kommenden Tage, und stoßen auf unsere Ankunft an.
Der Abend endet mit einem Calafate Sour, dem Cocktail Patagoniens. Calafate, Beerensirup, Pisco, Zitrone, Zucker, Eis und manchmal Eiweiß. Süß, frisch, gefährlich gut. Ein würdiger Abschluss für einen Reisetag. Morgen beginnt das nächste Kapitel: Torres del Paine.
Tag 11 – Chile: Sonnenaufgang, Pferde und Patagonien-Feeling
Wir beginnen den Tag wie echte Patagonien-Profis: früh, mit Mütze, Kamera und klammen Fingern. Noch vor dem Frühstück gehen wir hinunter zur alten Mole von Puerto Natales. Ehrlich gesagt ist das eine willkommene Abwechslung. Keine Steigung, kein Rennen um den besten Platz, einfach nur hinstellen und schauen.
Die verfallenen Holzpfähle ragen still in den Fjord, dahinter das weite Panorama der Berge. Es ist ruhig, kein Stativ-Krieg, nur ein bisschen Morgenlicht und eine friedliche Stimmung. Ein schöner, leiser Auftakt.
Zurück im Hotel wartet das Frühstück, das in Chile und Argentinien eher zweckmäßig daherkommt. Toast, Marmelade, vielleicht mal ein Stück Obst. Der Kaffee ist funktional, kein kulinarisches Highlight, aber immerhin: Koffein bleibt Koffein. Ich nehme es mit Humor.
Dann beginnt das nächste Kapitel. Wir machen einen Reitausflug zu einer traditionellen Estancia. Die Landschaft öffnet sich, weite Felder, grasende Pferde, die Anden in der Ferne. Unsere kleine Gruppe schaukelt gemächlich auf chilenischen Criollos durch das offene Land. Die Pferde sind ruhig, das Tempo entspannt. Es fühlt sich an wie ein kleiner Western, nur ohne Cowboyhut, aber mit dem Gefühl von Weite und Freiheit.
Am Nachmittag wartet das kulinarische Highlight: ein echtes Asado. Das Fleisch kommt direkt vom Grill, duftet rauchig und schmeckt fantastisch. Dazu ein Glas chilenischer Rotwein, der in der Nachmittagssonne doppelt so gut mundet. Wir essen, lachen, tauschen Geschichten aus und spüren zum ersten Mal richtig: Chile hat seinen ganz eigenen Zauber.
Tag 12 – Torres del Paine: Wildnis wie aus einem anderen Universum
Wir sind angekommen. Torres del Paine, dieser Name klingt schon nach etwas Großem. Und genau das ist es auch.
Der Nationalpark im tiefsten Süden Chiles gilt als eines der spektakulärsten Naturgebiete der Welt. Spätestens nach ein paar Kilometern versteht man, warum. Gewaltige Granit Gipfel treffen auf türkisfarbene Gletscherseen, Anden Kondore kreisen über der Steppe, und irgendwo da draußen ziehen Pumas durchs hohe Gras. Es sind diese Bilder, die man mit Torres del Paine verbindet. Doch in Wirklichkeit ist alles noch eindrucksvoller. Größer. Wilder. Echter.
Bevor wir ganz eintauchen, ein Blick auf das Land, das uns empfängt. Chile ist ein geografisches Wunder, über viertausend Kilometer lang, aber im Schnitt nur 180 Kilometer breit. Vom trockensten Ort der Welt, der Atacama-Wüste, bis zu den eisigen Gletschern Patagoniens spannt sich eine atemberaubende Landschaft.
Auch gesellschaftlich ist Chile anders als Argentinien. Während Argentinien mit Krisen, Inflation und wirtschaftlichem Chaos kämpft, wirkt Chile stabiler. Die Infrastruktur ist moderner, das Sozialsystem ausgebaut, die Wirtschaft vergleichsweise robust. Nicht perfekt, aber spürbar geordneter. Man merkt es im Alltag: an den Preisen, der Organisation, der Qualität. Und trotzdem bleibt das südamerikanische Lebensgefühl erhalten, herzlich, entspannt und aufrichtig.
Und dann ist da dieses Licht. Man sagt, der Himmel über Torres del Paine sei anders. Sonne, Sturm, Regenbögen, Nebel, Schnee, oft im Minutentakt. Die Wolkenformationen sind spektakulär, geformt vom Wind und den Bergen. Doch wir erleben ein meteorologisches Wunder. Blauer Himmel, kein Wind, keine Wolke. Tagelang. Perfekte Bedingungen für Fotos, Wanderungen und unvergessliche Momente.
Nach dem Frühstück in Puerto Natales machen wir uns auf den Weg über die Ruta del Fin del Mundo hinein in den Nationalpark. Die erste große Etappe ist eine Bootsfahrt zum Grey-Gletscher. Das Wasser leuchtet silbrig-blau, am Horizont ragt die massive Gletscherwand auf. Wir stehen an Deck, lassen uns den Wind um die Nase wehen, einen leichten zumindest, und stoßen an mit einem eiskalten Calafate Sour. Blick aufs ewige Eis, Drink in der Hand, Herz weit offen. Mehr Patagonien geht nicht.
Wir bleiben für sechs Nächte im Park. Die kommenden Tage versprechen Gänsehaut pur. Drei Tage Puma-Tracking mit erfahrenen Guides, Wanderungen und Spurensuche im Nirgendwo. Mit etwas Glück und noch mehr Geduld entdecken wir sie.
Wenn man nur einen Ort im Leben fotografieren dürfte, dann vielleicht diesen. Hier, am kalten, rauen Ende der Welt, zeigt sich die Natur in ihrer ursprünglichsten Form. Kein Netz. Kein Ort in Sicht. Nur Wind, Licht, Stille. Guanakos grasen. Gletscher kalben. Der Himmel bleibt klar. Und wir stehen mittendrin.
Tag 13 – Pumas, Panorama und Patagonien-Flow
Wie eine silberne Schlange windet sich tief unter uns der Río Serrano durch ein riesiges, gelb-grünes Tal. Ringsum mächtige Berge, Gletscherzungen in der Ferne, ein Panorama wie gemalt, als hätte jemand eine XXL-Leinwand aufgespannt. Ganz links, eingebettet in diese Szene, ein paar grüne Dächer direkt an einer Flussschleife, unser Hotel für die nächsten sechs Nächte. Was für ein Ort.
Der Tag beginnt, wie er in Torres del Paine beginnen muss: sechs Uhr aufstehen, Kaffee, Kamera, raus in die Kälte. Erstmal zum Sonnenaufgang, heute an der Portería Amara. Und wie immer spektakulär. Die Sonne kriecht langsam über die Bergspitzen, taucht die Landschaft in ein weiches Licht. Der erste Gänsehautmoment des Tages.
Später treffen wir Ricardo und seinen Kollegen. Sie werden uns die nächsten drei Tage begleiten. Es geht los mit dem Puma-Tracking. Heute steht eine erste Eingewöhnung Tour an: wandern, beobachten, scouten. Noch keine Spur von Pumas, dafür bleibt Zeit für ein kleines Fotoshooting und ein gemütliches Picknick an der Cascada Paine. Hier werden wir in den nächsten Tagen wieder sein. Der Spot ist perfekt für den Sonnenaufgang. Also Platz merken, Licht beobachten, notieren.
Am Abend genießen wir den Sonnenuntergang direkt vom Hotel aus. Mit dieser Aussicht braucht es keine großen Worte mehr. Hinsetzen, schauen, schweigen.
Die nächsten Tage werden sich wohl ähnlich anfühlen: früh raus, Licht jagen, Pumas suchen und Natur feiern. Ich bin bereit und ehrlich gesagt schon ein bisschen verknallt in diesen wilden Flecken Erde.
Tag 14 – Auf leisen Pfoten: Unser erster Puma
Der Tag beginnt früh und frostig, wie so oft in Patagonien, mit einem spektakulären Sonnenaufgang am Mirador Laguna Amarga. Die Torres del Paine glühen im ersten Licht, der Himmel schenkt ein Farbenspiel in Rosa, Orange und Gold. Ein Anblick, der einem den Atem raubt. Kamera raus, Finger halb erfroren, Herz voll.
Im Anschluss fahren wir zur Cascada Paine, diesmal ganz gezielt zum Fotografieren. Wir kennen den Spot bereits vom Vortag, aber heute liegt das Licht perfekt. Und wie immer gilt: Kein Ort in Patagonien zeigt sich zweimal gleich.
Gegen den späten Vormittag beginnt das, worauf wir alle gewartet haben: Puma-Tracking mit Ricardo und seinem Kollegen. Mit dem Geländewagen rollen wir durch die weite Steppe. Die Tracker erklären geduldig, worauf es ankommt: Verhalten der Guanakos, Fährten im Boden, Windrichtung, Hanglage. Ein Puzzlespiel der Natur, das Geduld verlangt.
Und dann, kaum 30 Minuten später, passiert es tatsächlich. Da ist einer. Ein Puma. Ganz ruhig, kraftvoll, gelassen. Kein Spektakel, keine Show. Nur dieser Moment. Unser Puma ist ein Weibchen, leider weit entfernt, aber unverkennbar. Wir beobachten, fotografieren und schweigen. Ein stilles Glück, das tief geht.
Der Tag endet, wie er begonnen hat, mit Licht, das man nicht vergisst. Diesmal am Lago Pehoé, beim Campingplatz. Das Wasser liegt glatt wie Glas, die Bergsilhouetten spiegeln sich in der goldenen Stunde. Es ist einer dieser Momente, in denen man fast vergisst zu fotografieren, weil alles einfach da ist, vollkommen, still und überwältigend.
Ein Tag voller Licht, Wildnis und dem ersten Blick auf ein Tier, das wir noch lange im Herzen tragen werden.
Tag 15 – Kamerakampf am Lago Pehoé und ein Tag auf den Spuren der Pumas
Wir stehen früh auf, um unseren Spot für den Sonnenaufgang am Lago Pehoé zu sichern. Die Lage ist ernst, dieser Platz ist heiß begehrt. Schon vor ein paar Tagen haben wir unsere Stelle ausgesucht, gut überlegt und strategisch, mit Blick auf Los Cuernos, die charakteristische Hörner Formation des Paine-Massivs. Wenn die Sonne aufgeht, werden genau diese Spitzen in warmes Licht getaucht. Nur in der Dunkelheit ist das alles schwer einzuschätzen. Deshalb: früh los.
Doch als wir ankommen, staunen wir nicht schlecht. Kaum noch Platz. Stative reihen sich dicht an dicht entlang des Ufers, jeder Zentimeter scheint reserviert. Die Stimmung ist angespannt, ein Hauch von Revierkampf liegt in der Luft, misstrauische Blicke inklusive. Jeder will einen Spot. Wir ergattern noch irgendwie einen halbwegs brauchbaren Platz und nehmen es mit Humor.
Nach dem Spektakel fahren wir weiter zum Mirador Laguna Amarga. Diesmal stimmt wirklich alles: glasklare Luft, keine Windböe, perfekte Spiegelung. Die Torres spiegeln sich gestochen scharf im Wasser, als hätte jemand die Natur kopiert. Für jedes Weitwinkelobjektiv ein Geschenk.
Am späten Vormittag geht es weiter mit dem Puma-Tracking. Wieder begleitet uns Ricardo. Wir lernen viel: wie scheu diese Tiere wirklich sind, warum Sichtungen so selten bleiben und wieso gerade diese Region in fast jeder großen Naturdoku über Pumas auftaucht, egal ob BBC, Netflix oder NatGeo. Viele der hier lebenden Tiere sind seit Jahren dokumentiert, einige haben sich an die stille Anwesenheit der Kamerateams gewöhnt.
Ricardo erklärt uns auch das Verhalten der Guanakos. Die besten Frühwarnsysteme der Steppe. Ihre Rufe, ihre Bewegungen, ihre Körperhaltung, all das kann auf einen nahen Puma hindeuten. Und wenn ein Puma ein Guanako erlegt hat, kehrt er oft mehrere Tage dorthin zurück. Ein frischer Kadaver ist deshalb ein sicheres Zeichen für seine Nähe.
Heute aber bleibt es bei der Theorie. Wir suchen vormittags und später nochmal am Nachmittag, denn mittags ruhen die Tiere meist. Keine Sichtung, dafür viele Spuren, viele Geschichten und jede Menge frische Luft. Zwischendurch machen wir einen Abstecher auf einen Lehrpfad, wandern durch die Landschaft, beobachten Vögel, schauen auf den Horizont. Auch das gehört dazu: einfach mal sein.
Tag 16 – Über den Wolken, unter dem Febreze: Ein weiterer Tag in Patagonien
Es ist einer dieser Sonnenaufgänge, die sich einbrennen. Nicht grell, nicht dramatisch, sondern still, pastellfarben, ein wenig entrückt. Wir stehen oberhalb des Nebels, unweit unseres Hotels, und blicken auf ein Tal, das noch schläft. Die Kälte kriecht durch jede Faser, aber das Licht ist ein Geschenk, weich, flirrend, wie hingehaucht auf die Berggipfel. Ein Moment zum Innehalten.
Anschließend geht es weiter mit dem, was unsere Tage derzeit bestimmt: Puma-Tracking mit Ricardo. Doch auch heute lassen sich die Katzen nicht blicken. Sie bleiben irgendwo zwischen Steppe, Schatten und Zeit. Statt Frust regt sich Gelassenheit. Wir nehmen es sportlich und nutzen den freien Vormittag anders, für ein Gruppen-Fotoshooting am Lago Pehoé. Das Licht spielt mit, die Stimmung ist gelöst, perfekte Bedingungen für Bilder, die man später nicht nur ansieht, sondern spürt.
Dann wartet das nächste Naturhighlight: der Salto Grande. Der Wasserfall ist nicht einfach nur laut und mächtig, er ist Energie in Bewegung, kraftvoll und wild, als wolle er sagen: Auch das ist Patagonien. Von hier wandern wir weiter zum Mirador Cuernos, sechs Kilometer durch karge Weiten, vorbei an flirrendem Licht, knorrigem Gestrüpp und dem Gefühl, irgendwo zwischen Erde und Himmel unterwegs zu sein. Der Blick am Ende ist spektakulär, wie so oft. Die Cuernos zeichnen sich scharf und schwarz gegen den Himmel, während wir auf dem Felsen sitzen und unser Picknick Brot essen.
Auch menschlich passt alles. Die Gruppe hat sich gefunden, es gibt kleine Routinen, stille Gesten und geteilte Blicke. Mit Kerstin verstehe ich mich inzwischen fast blind. Wir ticken ähnlich, brauchen wenig Worte, fotografieren oft gleichzeitig denselben Moment. Nur unsere Kleidung macht langsam schlapp. Die wenigen Outfits, die wir mitgenommen haben, sind wortwörtlich. Im Zimmer riecht es inzwischen deutlich nach Abenteuer, nach Steppenwind und Leben. Kerstins Lösung: Febreze. Auf die Socken. Ich breche ein schallendes Gelächter aus. So riecht Patagonien.
Am Abend gönnen wir uns ein kräftiges Essen und ein Glas Wein. Danach falle ich einfach ins Bett, erfüllt, müde, dankbar. Und gespannt, was der nächste Tag bringt.
Tag 17 – Märchenwald, Miscelaneo und ein Puma in der Ferne
Der Tag beginnt diesmal nicht mit goldenem Licht, sondern mit grauem Himmel und feuchter Luft. Genau das verleiht unserer Wanderung eine ganz besondere Stimmung. Wir entscheiden uns, dem Wald entlang des Río Serrano zu folgen. Es ist still, neblig, fast ein wenig verwunschen. Moos hängt schwer von den Ästen, das Licht ist weich und diffus, und jeder Schritt scheint gedämpft in dieser märchenhaften Kulisse. Kein Zeitplan, kein Druck, nur wir, die Kamera und die Stille.
Danach fahren wir zum Besucherzentrum des Nationalparks. Zwischen Ausstellungstafeln und Modellen nehmen wir noch ein paar spannende Einblicke mit: Geologie, Tierwelt, Schutzmaßnahmen. Es fühlt sich gut an, dieses Wissen im Hinterkopf zu haben, als würde man die Landschaft danach mit neuen Augen sehen.
Am Nachmittag geht es auf den Rundwanderweg „Miscelaneo“. Der Name klingt nüchtern, fast beiläufig, aber was wir sehen, ist alles andere als das. Die Aussicht reicht weit über Täler, Steppen und Windlinien, als würde sich Patagonien noch einmal ganz anders zeigen wollen.
Natürlich haben wir auch heute wieder ein Ziel im Blick: Pumas. Beim Picknick am Campingplatz stärken wir uns kurz, bevor es am frühen Abend wieder ernst wird. Zurück ins Puma-Gebiet. Und dann, endlich: Bewegung am Hang. Ein Puma, sehr weit entfernt, aber eindeutig zu erkennen. Einige Fotografen aus unserem Hotel sind bereits vor Ort und beobachten schweigend denselben Punkt.
Es ist unser Fahrer Patrizio, der ihn zuerst entdeckt, mit geschultem Blick, mit dieser Art von ruhiger Wachsamkeit, die ihm eigen ist. Wir springen aus dem Auto, rennen den Hügel hinauf, Stativ in der Hand, Herzklopfen inklusive. Und dann beginnt das Warten. Ob er sich bewegt? Ob er näher kommt? Ob wir ihn noch einmal besser sehen?
Aber nein, er bleibt, wo er ist. Ein grauer Punkt in der Weite, inmitten der Landschaft. Doch ein Puma ist ein Puma. Und allein dieser Moment, dieser flüchtige Blick auf ein scheues Tier, fühlt sich wie ein kleines Wunder an.
Tag 18 – Abschied von Patagonien: Fuchs Besuch, Nebel und Gänsehaut von oben
Es ist ein Abreisetag. Und ausgerechnet heute zeigt sich Patagonien zum ersten Mal in dichtem Grau. Der Himmel verhängt, die Luft feucht, der Blick neblig. Trotzdem hoffen wir auf ein kleines Wunder am Morgen. Vielleicht, ganz vielleicht, ein letzter Sonnenaufgang?
Die Sonne bleibt verborgen, aber dafür taucht ein anderer Besucher auf: ein neugieriger Fuchs, der sich ganz ruhig in unserer Nähe bewegt. Er durchstreift die feuchte Wiese, bleibt zwischendurch stehen, beobachtet uns mit wachen Augen, völlig unbeeindruckt von unseren Kameras. Ein stiller, fast intimer Moment. Es fühlt sich an wie ein leiser Abschiedsgruß von Patagonien selbst.
Drei aus unserer Gruppe sind noch motiviert genug, den Mirador Condor zu erklimmen. Ich entscheide mich dagegen. Stattdessen bleibe ich unten am Campingplatz, sitze mit einer dampfenden Tasse Kaffee im Dunst und nutze die Gelegenheit, mich mit Patrizio zu unterhalten, unserem Fahrer, unserem stillen Begleiter, den wir alle ins Herz geschlossen haben. Er ist einer dieser Menschen, die mit wenigen Worten viel sagen. Wach, aufmerksam und mit einem feinen, trockenen Humor. Der Gedanke, ihn heute zu verabschieden, macht uns alle ein wenig wehmütig.
Auch Urs reist heute weiter, in den Süden, ans andere Ende der Welt. Der Rest von uns fliegt zurück nach Santiago und von dort nach Hause.
Doch Patagonien verabschiedet sich noch einmal auf seine Weise. Als wir mit dem Flugzeug abheben, liegt der Nationalpark unter uns. Und plötzlich, im letzten Licht, durchbricht ein Anblick die Wolkendecke. Da sind sie, die Torres del Paine. Aus der Luft, im Dunst, im Schweigen. Erhaben, zeitlos, fast unwirklich.
Ich sehe hinaus, halte den Moment fest und denke nur noch: Was für ein Ort. Was für eine Reise. Was für ein Geschenk.
Mehr als Fotos – mein Fazit
Es ist schwer zu erklären, was genau eine Reise mit einem macht. Vielleicht ist es gar nicht das, was wir sehen, sondern das, was sie in uns verändert.
Da ist dieser Moment, wenn man in den Flieger steigt und noch keine Ahnung hat, was einen erwartet. Und dann, Wochen später, all die kleinen und großen Augenblicke, die sich wie Puzzleteile in einem zusammensetzen. Nicht perfekt, nicht immer angenehm, aber irgendwie genau richtig. Denn Reisen sind kein Konsum. Sie sind Erfahrung auf Vorrat.
Eine Reise verändert dich, auch wenn du es nicht gleich merkst. Und manchmal sind es genau die Momente dazwischen, das Warten, das Scheitern, das Schauen, die am längsten bleiben.
Für mich war diese Reise mehr als nur Kilometer und Fotos. Sie war Begegnung, Erkenntnis und echtes Draußensein. Und sie war eine Erfahrung mit Menschen, die eine ganz eigene Sicht auf die Welt haben, die Fotograf*innen, mit denen ich unterwegs war.
Ich habe gelernt, wie viel Planung, Geduld und Präzision in einem guten Bild steckt. Wie es sich anfühlt, morgens um sieben zu diskutieren, welcher Hang das bessere Licht hat. Ich habe gelernt, mich einzufügen, Rücksicht zu nehmen – und trotzdem ganz bei mir zu bleiben. Ich habe viel über die anderen gelernt. Und noch mehr über mich selbst.
Was bleibt, ist die Stille in einem Märchenwald. Das Rauschen eines Wasserfalls. Das Lachen am Picknickplatz. Und die Sehnsucht, die jetzt irgendwo in mir wohnt, nach mehr. Denn das wahre Geschenk am Reisen sind nicht die Orte, die man erreicht. Es sind die Spuren, die sie hinterlassen.
Patagonien, ich danke dir:
Für neugierige Füchse.
Für zähe Wanderstiefel und Nebel über Seen.
Für Calafate Sours, Wasserfälle und das Lachen mit Fremden.
Für das Fluchen bergauf – und das Staunen oben.
Für Waffeln nach 15 Kilometern.
Für Pumas in der Ferne.
Für jedes „Wow“, jedes „Guck mal!“ und jedes stille Innehalten.
Für das Abenteuer.
Für die Magie.
Und für die Menschen, mit denen ich das alles teilen durfte.
Danke, Patagonien.
Du bleibst.