
A Taste of Provence
3 Tage Lebenskunst
Tag 1 – Bonjour Provence
Es fühlt sich gut an, wieder in Frankreich zu sein. Einige Jahre sind vergangen, doch alles wirkt sofort vertraut. Der Flug nach Marseille dauert nur eine gute Stunde, und von dort bringt mich der Zug nach Avignon. Unterwegs lerne ich Clara kennen, die gerade aus Sumatra kommt. Wir plaudern auf Französisch und ich hoffe, in den kommenden Tagen sicherer zu werden.
Im Château Victor La Coste empfängt mich Costas, der Besitzer. Er und Allison, seine Partnerin, begrüßen mich herzlich. Ihre Geschichte ist außergewöhnlich. Er Grieche, sie aus Newcastle, beide einst verheiratet und mit Kindern, verloren sich nie ganz aus den Augen. Vor 18 Jahren fanden sie wieder zusammen und entschieden sich für ein neues Leben in Paris und Provence. Heute führen sie gemeinsam das Château aus dem Jahr 1543, empfangen Gäste und veranstalten Kochkurse.
Das Anwesen ist ein Labyrinth voller Geschichten. Im Garten blühen Pfingstrosen, an den Wänden hängen Jahrhunderte alte Teppiche. Überall entdecke ich liebevoll arrangierte Details, Kunstwerke und Antiquitäten.
Am Abend sitzen wir zusammen. Allison kocht für uns und wir sind eine bunte Gruppe aus England, den USA, Italien und Deutschland. Wir erzählen, lachen und freuen uns gemeinsam auf die kommenden Tage in der Provence.
Tag 2 – Markt, Mittelaltrige Stadt und Rosé
Heute darf ausgeschlafen werden, das Frühstück gibt es um acht. Hausgemachte Marmelade, frische Croissants, kleine Schokoladenbrötchen. Allison zaubert wie immer, und niemand versteht, wie sie das alles schafft.
Später fahren wir gemeinsam auf den Wochenmarkt. Alles ist farbenfroh, intensiv und üppig. Trüffelpastete, Artischockencreme, Pesto mit Knoblauch – mein zweites Frühstück. Allison lächelt und sagt: „In Frankreich ist Essen eine Religion.“ Ich kann ihr nur zustimmen. Um uns herum trinken manche schon um elf Uhr den ersten Rosé. Der Platz ist voller Stimmen, der Duft von Lavendel, Kräutern und frisch Gebackenem liegt in der Luft.
Am Nachmittag geht es weiter nach Uzès, ein Städtchen wie gemalt. Die Geschichte reicht bis in die Römerzeit zurück, später wurde Uzès das erste Herzogtum Frankreichs. Wir sitzen an einem Brunnen in der Altstadt, trinken Kaffee und lassen die Zeit stillstehen.
Zurück im Château verbringen wir den Nachmittag am Magnesiumpool. Der geplante Kochkurs wird verschoben, Sonne und Ruhe haben Vorrang. Ich schwimme, lese, trinke ein Glas Rosé. Abends sitzen wir am Tisch und sprechen über Politik, Recht und internationale Entwicklungen. Vier Anwälte diskutieren, wir anderen hören zu, trinken und genießen die Runde. Müde und zufrieden fallen wir ins Bett, gespannt auf den nächsten Tag.
Tag 3 – Antikmarkt, Tanz im Regen und Kochkurs
Am Morgen fahren wir auf einen Antikmarkt. Es gibt beinahe alles: alte Schallplatten, Bücher, Postkarten, Tischdecken. Patrizia, ihr Hund Isotta und ich schlendern umher, stöbern und feilschen. Die gesuchte Tischdecke finde ich zwar nicht, aber das Erlebnis ist wunderbar. Der Markt hat diese besondere Atmosphäre eines französischen Sonntags, voller Gespräche, Käse, Lavendel und frischem Brot.
Mittags treffen wir die anderen zum Essen. Austern, Shrimps, Merguez, dazu reichlich Wein. Um 13 Uhr sind wir bereits beschwingt. Als Regen einsetzt, springt Debra aus Denver auf, tanzt und bringt die Band dazu, „Singing in the Rain“ zu spielen. Costas macht mit voller Lebensfreude. Es gießt in Strömen, wir sind durchnässt, aber glücklich. Einer dieser Momente, die bleiben.
Am Nachmittag steht eine Weinprobe an. Viel verstehen wir nicht, die Führung ist auf Französisch, doch das stört niemanden. Es wird eingekauft, probiert und gelacht. Später gönnen wir uns eine Siesta am Pool, bevor um 18 Uhr der Kochkurs beginnt.
Es gibt grünen Spargel mit Olivenpesto und Parmesan, danach Entenbrust mit Kirschmarmelade und Ofenkartoffeln. Zum Dessert Panna Cotta. Wir kochen, erzählen, lachen und teilen Geschichten. Jeder bringt seine Biografie mit, voller Höhen, Umwege und Brüche. Trotzdem finden wir mühelos zueinander. Spät am Abend sitzen wir noch draußen, beobachten den Sonnenuntergang, stoßen an. In England scheint es üblich, dass Reden gehalten werden, und so sprechen auch wir über die gemeinsame Zeit. Costas sagt: „Diese Gruppe ist besonders.“ Müde, beschwipst und verbunden gehen wir schlafen.
Tag 4 – Abschied und ein letzter Rosé
Am Morgen liegt ein Aufbruch in der Luft. Koffer werden gepackt, Umarmungen verteilt. Manche reisen früh ab, andere bleiben noch einen Moment. Ich gehe durch den Garten, streife ein letztes Mal durch die Räume, deren Duft ich schon mit der Provence verbinde.
Ich entdecke Details, die mir zuvor entgangen waren: ein verblasstes Porträt an der Wand, das Knarren einer alten Stufe, der Schatten von Pfingstrosen auf kaltem Steinboden.
Am Nachmittag sitze ich mit Debra noch einmal am Pool. Wir teilen uns eine Flasche Rosé, blicken in die Sonne und sprechen über Wendepunkte, Begegnungen, das Leben. Fremde werden vertraut, ohne viel erklären zu müssen.
Was Allison und Costas hier geschaffen haben, ist mehr als ein Ort. Es ist ein Raum für Geschichten, für Genuss und für Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen. In Frankreich ist das gemeinsame Essen mehr als ein Ritual. Es ist Ausdruck von Lebenskunst. Genau hier, zwischen Trüffelpastete, Panna Cotta und tiefen Gesprächen, habe ich etwas gespürt, das bleibt.
Ein Gefühl von Fülle und Verbindung. Kein großer Abschied, kein großes Wort. Nur ein letzter Schluck Rosé – und ein stilles Merci.